“Alles auf Anfang” – Die Bürger werden immer besser

Bürgerbühne 2010: Herzlicher Applaus für Mathias Bleier, Mohammad Al-Masalme, Sascha Göpel, Herbert Graedtke, Antje Zschoke, Anya Fischer, Holger Hübner, Wera Pogosowa, Jan Maak (v.l.)

Am Kleinen Haus hat sich ein Ensemble formiert, obwohl es gar keins sein sollte

Wiederholung ist die Mutter der Lockerheit. Das wissen wir ja. Aber wenn man es so vorgeführt bekommt wie im Bürgertheater des Staatsschauspiels Dresden, tut es wirklich gut.

Die Truppe um Projektchefin Miriam Tscholl besteht eigentlich aus zwei Fraktionen: denen, für die die Bretter den Beruf bedeuten, und den anderen, die es vorübergehend mal ganz toll finden, mitzuspielen.

Dank der Dramaturgie von Martin Heckmanns und der Regie von Benjamin Brückel kommt allerdings die Frage auf: Wer ist hier wer? Da hat sich etwas zusammengespielt, was gut passt, und das gibt es äußerst selten: Profis und Laien. Zum Glück waren alle Beteiligten aufgeschlossen genug, um weder den Diplomschauspieler herauszukehren oder den arg Betroffenen zu geben. Denn der Bühnenprofi hat möglicherweise nicht so ein reiches Reservoir an Lebensgeschichte wie der „einfache Mensch“, kann aber die Geschichte wirkungsvoll ans Licht holen. Dafür sind die Nichtschauspieler Profis für den Kampf im Haifischbecken – und das beeindruckt auch gestandene Akteure.

Zur Premiere waren alle noch ganz smart: Der Text, und genau der Text, wenn nötig etwas eingesprochen, trug die Geschichten. Das Publikum war erstaunt, ergriffen, belustigt und begeistert. Inzwischen sind alle viel lockerer geworden, Zwischenrufe fliegen herein und werden beantwortet, Gegenstände sind auf einmal mehr als Requisiten. Der Abend gelingt zum reinen Vergnügen – auf der Bühne und auf den Stühlen.

Die authentisch erzählten Dresdner Lebensgeschichten (keine Sorge, keine ganzen), wurden gefunden und zum spielbaren Bühnentext gemacht von fünf jungen Autoren, für die diese Form sicher auch Neuland war. Das konnten sie allerdings geschickt verbergen, Hut ab!

„Friedrichstraße 23“ von Mathilda Onur wird gespielt von Jörg Stübing und Jan Maak, wo offensichtlich einer von hier und einer von weither ist. „D-D-eeR“ sagt der Hamburger noch am Anfang. Und er trägt ein mutiges Kostüm.

In „Antje“ von Sophie Decker sehen wir Antje Zschoke und Anya Fischer – zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein können. Eine coole, weil sie so sein muss, und eine inspirierte, weil sie anders nicht leben könnte. Zwei Rankepflanzen, einander viel Halt gebend.

Den „Fliegenden Tschechen“ von Eugen Martin spielen Herbert Graedtke und Mathias Bleier mit sichtlicher Freude, aber auch sehr anrührend. Jungschauspieler trifft auf alten Bühnenhasen, der tschechische Patriot und sein deutscher Gegner werden Freunde, bis zur Blutsbrüderschaft und über den Tod hinaus.

In „Wera“ von Marianna Salzmann gibt Wera Pogosowa sich selbst und Holger Hübner mit seinem goldigen Humor Gelegenheit, Stasi, untreue Männer und den KGB wegzulachen.

Wenn Al-Masalme alias Sascha Göpel seine „wahre Geschichte von Al-Horia“ erzählt, also sein Schicksal in Dresden, glaubt man seinen Ohren nicht zu trauen. Nachfragen, ob die Ausländerbehörden wirklich so agieren, sind nicht selten danach.

Die Bühne erfand Ramona Rauchbach im Stile eines Second Hand-Selbstbedienungsladens, was die Umbauten zur Extra-Einlage macht. Die Musik kommt punktgenau von Vredeber Albrecht.

Das alles hätte auch ein „Nummernprogramm“ werden können. Den Theaterleuten sei Dank – es kam auf grandiose Weise anders. Alle Darsteller spielen sogar über die Geschichten hinweg miteinander, die Aktionen sind verflochten, bis hin zum Bühnenumbau helfen sich alle gegenseitig. Großes Dankeschön an alle, ein Theatervergnügen, das innere Kreise zieht. cry

Nächste Aufführungen sind am Freitag, 19. März und am Mittwoch, 21. April
Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus, Glacisstraße 28, Kartentelefon:
Telefonischer Kartenverkauf Telefon: 0351 . 4913 – 555
Gruppenreservierungen Telefon: 0351 . 4913 – 567
tickets@staatsschauspiel-dresden.de

Behindertenservice: Das Kleine Haus 3, eine kuschelige Angelegenheit unterm Dach des Theaters, ist für Gehbehinderte gut erreichbar. Wer vorher Bescheid gibt, wird mit dem Aufzug nach oben gebracht.

Am Kleinen Haus hat sich ein Ensemble formiert, obwohl es gar keins sein sollte

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